Beginn des Forscherlebens

In der Kl.-Bünstorfer Heide begann sein Forscherleben
Zum Gedenken an Dr. Gustav Schwantes – von Dr. F.C. Bath (1961)

Gestern wurden die sterblichen Überreste des großen Forschers und Universitätslehrers Prof. Dr. Gustav Schwantes auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg eingeäschert. Seine Angehörigen, Freunde und Schüler waren versammelt, um dem verehrten Altmeister der Urgeschichtsforschung die letzte Ehre zu erweisen. Die Familie war u.a. auch durch Dr. med. Curt Schwantes, den in Hamburg als Arzt lebenden Bruder, vertreten, der uns Uelzenern durch die Ausgrabungen bekannt ist, die er in jungen Jahren vor dem ersten Weltkrieg gemeinsam mit dem jetzt Verstorbenen in unserer Gegend durchführte. Sein besonderes Interessensgebiet waren die slawischen Grabfunde, die sich hier an sehr wenigen Fundplätzen darboten. Er hat sie veröffentlicht, und seitdem sind unsere archäologischen Kenntnisse über die Anwesenheit von Slawen in unserer Gegend kaum noch erweitert worden.

Aus dem engsten Familienkreis des Verstorbenen wird niemand zugegen sein! Frau und Tochter, mit denen er in einer überaus harmonischen Lebensgemeinschaft verbunden war, sind ihm beide in diesem Jahre auf dem letzten Wege vorangegangen.

Gustav Schwantes ist nicht mehr. Um seinen Verlust trauern außer den Angehörigen die Vertreter zweier Wissenschaften, in denen er sich bahnbrechend betätigt hat: der Urgeschichtsforschung und der Botanik; um ihn trauert der Kreis Uelzen, dem er sowohl durch seine Forschungen als auch durch verwandtschaftliche und menschliche Beziehungen eng verhartet war; und ich verlor in ihm mehr als einen wissenschaftlichen Vorkämpfer und Berater: ich verlor einen väterlichen Freund.

Diesem sollen die folgenden Zeilen gewidmet sein.


Fast genau ein Jahrzehnt umspannt meine persönliche Bekanntschaft mit Professor Schwantes. Er, auf dessen bahnbrechenden Forschungen im Kreise Uelzen ich als Bodendenkmalpfleger hier zum großen Teil meine Arbeit aufbauen musste, war nicht nur ein Gelehrter von hohem Rang, sondern dabei auch ein vollblütiger, warmherziger Mensch, gütig und mit einer empfindsamen, für alles Schöne aufgeschlossenen Seele. Er lebte in und mit der Natur, staunte ehrfürchtig über die Wunder der Schöpfung und versuchte, ihr etwas von ihren Geheimnissen abzulauschen. Dieses Verlangen stillte er durch die Beobachtung und Züchtung aller möglichen Pflanzen aus Europa und Afrika. Wie stark Herz und Gemüt dabei im Spiel waren, zeigt sich darin, dass er mit besonderer Liebe den Pflanzen zugetan war und sie in seinem Garten mit besonderer Sorgfalt pflegte und hegte, die er sich aus der Heimat seiner Mutter der engeren und weiteren Umgebung von Sasendorf bei Bevensen geholte hatte. Er zeigte sie mir in Kiel voll Freude in dem Garten hinter seinem Hause in der Lantziusstraße als ein Stück Heimat, das seine Gedanken beflügelte. Ja, ihn erfüllte eine ganz große Liebe zu diesem Paradies seiner Jugend. Das war auch der Grund weswegen er dem Becker-Verlag in den letzten Jahren mehrere gewichtige Beiträge für den Heimatkalender (1959, 1960 und 1961) lieferte. Er wollte noch einmal speziell für seine „lieben Uelzener“, wie er mir seinerzeit schrieb, die wichtigsten Ergebnisse seiner hiesigen Forschungen allgemeinverständlich darstellen. Und wenn es galt, ein Stück Heimatlandschaft, wie etwa die Klein-Bünstorfer Heide mit den vielen Hügelgräbern vor der Verschandelung zu retten, dann genügte ein Anruf, und er setzte sich mit Nachdruck dafür ein. Die Klein-Bünstorfer Heide war ja auch der Ort, wo er als Zwölfjähriger den Entschluss fasste, Archäologe zu werden!

Aber der Flug seiner Gedanken ging wiederum zu hoch, um sich in einem eng begrenzten Raum einfangen zu lassen. Die Heimat weitete sich ihm zur Welt, und die Welt wurde ihm zur großen Heimat. Nach seinem 75. Geburtstag (am 18. September 1956) dankte er seinen Freunden und den vielen Gratulanten mit diesen Versen:

In seligen Tagen der Kinderzeit,
wie warst du, Welt, unendlich weit.
Wenn Wirbelwind durchs Kornfeld lief,
wie wogt’ es drin noch fern und tief.
Nun bist du, Welt, so klein, so klein,
Gedankenzwinger engt dich ein.
Nun bist du, Wald, ein Fleckchen nur
auf meilenweiter kahler Flur.
Und du, du riesengroße Welt,
bist nur ein Punkt am Sternenzelt.


Seine zum Künstlerischen neigende Veranlagung, aus der sich auch seine Liebe zu Dichtung und Musik speist, besonders zur klassischen Kammermusik, die er selbst mit Freunden ausübte, ließ ihn in allem natürlichen Werden das Schöpferische bewundern. Gelegentlich hatte er das Gefühl, „dem Gott über die Schulter zu sehen“, wie er selbst einmal sagte. Bezeichnend ist es wohl für ihn, dass sich seine Liebe außer den Heimatpflanzen, besonders den zunächst unscheinbaren afrikanischen Wüstenpflanzen, den Kakteen zuwandte, den „lebenden Steinen“, in denen er ein unendlich reiches Feld göttlicher Schöpfungsfantasie entdeckte. Seine Sukkulentensammlung, in ihrer Art besonders schön, reichhaltig und selten, wurde der Grundstock für das Afrikahaus im Kieler Botanischen Garten.

Seine Nähe zum Göttlichen machte ihn wohl auch zu einem im Grunde seines Herzens so bescheidenen Menschen. Als ihm im Herbst 1951 zu seinem 70. Geburtstag in Kiel allerlei Ehrungen „drohten“, ging er diesen dadurch aus dem Wege, dass er in seine „Heimat“ flüchtete und den Tag in Masendorf bei seinen Verwandten verlebte. Da war es auch, wo ich ihn zum ersten Mal persönlich kennen lernte.

In dem darauf folgenden Jahrzehnt entwickelte sich zwischen uns zeitweise ein reger Briefwechsel. Denn Professor Schwantes nahm an allem innigen Anteil was hier auf dem urgeschichtlichen Sektor geschah. Die Durchführung der urgeschichtlichen Landesaufnahme erschien ihm äußerst wichtig. So schrieb er am 20. Mai dieses Jahres: „… Empfinde ich sie doch als den Fortsetzer meiner Arbeit im geliebten Uelzener Lande. Sie werden sich denken können, wie sehr es mich erfreut, dass man nun endlich Ihnen auch einen Urlaub zum Abschluss der Landesaufnahme bewilligt hat.“ Die Herrichtung der Kl. Bünstorfer Gräberheide wurde zu einer sehenswerten Einmaligkeit, die ja auf Gedanken und Bestrebungen von ihm zurückgeht, erlebte er noch mit besonderer Genugtuung. Am 3. März schrieb er mir: „Sie ahnen kaum, wie dankbar ich Ihnen wegen der Bünstorfer Heide bin.“ Und am 21. April 1959: „Der Verlauf der Dinge in Kl. Bünstorf erfüllt mich immer wieder mit Freude.“ Leider hat er die Krönung seiner Wünsche, die nunmehr abgeholzte Heide, nicht mehr selbst gesehen.


Als ich ihm meine kleine Arbeit über den Kammerherrn von Estorff geschickt hatte, schrieb er am 6. Mai dieses Jahres: „Ihr Büchlein über unseren so außerordentlich verehrten großen Vorgänger in der Uelzener Gegend habe ich mit ganz besonderer Freude durchstudiert… Für mich bedeutete er unendlich viel… So ist denn ihre Schrift für mich ein ganz besonders liebes Geschenk geworden, für das ich Ihnen in aller Herzlichkeit danke.“

Eines aber erfüllte ihn immer wieder mit Bedauern, dass keine Möglichkeit bestand und zur Zeit besteht, all die Urnenfriedhöfe dieser Gegend, die ständig durch den Pflug und in Sandgruben angeschnitten werden, systematisch auszugraben. Das wäre ein zwar sehr dringendes, aber auch kostspieliges und zeitraubendes Unternehmen, das im Rahmen der Bodendenkmalpflege nicht bewältigt werden kann. Wie gerne hätte ich es gesehen, wenn sich auch dieser Lieblingswunsch des Mannes der vor einem halben Jahrhundert dieses Werk begann und ihm außerordentliche Erkenntnisse abrang, noch zu seinen Lebzeiten erfüllt hätte!

Nun hat sich sein Lebenskreis geschlossen. Er, der um den Ablauf des Naturgeschehens wusste, wie selten einer, liebte den Frühling und schrieb mir im März 1959: „Wie genieße ich diese Vorfrühlingstage, die schon volle Sommertage sind. Ungeheuerlich ist die Farbwirkung der 10 cm breiten porzellanblauen Blumen der persischen Iris histricides major, die in Fülle aus den Knollen sprießen, neben Euranthis und verschiedenen gelben und lilafarbenen allerersten Crocus und Schneeglöckchen. Ich ziehe diese kostbare Iris nun schon ca. 30 Jahre und bin erstaunt darüber wie langsam sich solche Wundergebilde ausbreiten.“

Als im März dieses Jahres seine innig geliebte Gattin gestorben war, drückte er seinen Schmerz erschütternd mit den Worten aus: „Für mich bedeutete sie eine Einmaligkeit, der ich nichts in meinem Leben an die Seite stellen konnte.“ Und dann: „Überaus trostreich war für mich, dass meine liebe Frau aus den schönsten Hoffnungen auf das Erleben des Frühlings urplötzlich herausgerissen wurde.“


"Aber der Tod ist die andere Seite des Lebens, eine unabwendbare bittere Wahrheit.“ So schrieb Prof. Schwantes mir noch im Mai dieses Jahres: „Uns erschien der Tod zunächst als der grausame Feind alles Lebenden, der mit Sekundenschnelle das unendlich wunderbare Gefüge eines lebendigen Organismus vernichtet. Aber er gehört ja in die eiserne Abfolge alles Geschehens als unabwendbarer Festpunkt des Ablaufes alles biologischen Werdens.“

Es wird immer so sein, dass die Hinterbliebenen mehr die grausame Seite des Zerstörers empfinden, während man dem Scheidenden, wenn es an der Zeit ist, die gottgewollte Ruhe zubilligen und gönnen muss. In der Jahreszeit des Blätterfalles ist Professor Gustav Schwantes aus dieser Welt geschieden, eine sinnvolle Geste jenes Großen, dessen Wink er nun folgte.

aus: Heimatkalender für den Landkreis Uelzen, 1961


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